Unglücklich sein? Danach strebt normalerweise niemand. Tatsächlich aber zeigen Studien, dass es bei der Cherophobie - die Angst vor dem Glück - genau dazu kommt. Warum haben manche Menschen Angst vor dem Glück und wie kann das geändert werden?

 

Die Mehrheit der Menschen möchte ihr Leben lang das Glück finden: Glück in der Liebe, im Beruf, Glück als wiederkehrender Begleiter in unterschiedlichen Lebenslagen. Doch es gibt auch Menschen, die Glücksgefühle meiden oder sogar Angst vor ihnen bzw. ihren Konsequenzen haben. Im Fachjargon wird von "Fear of Happiness" oder "Cherophobie" gesprochen. 

 

Was befürchten Betroffene, die Angst vorm Glücklichsein haben? 

Es sind nicht die angenehmen Glücksgefühle an sich, die den Betroffenen Furcht einflößen, sondern vielmehr fürchten sie mögliche negative Folgen (Enttäuschung, Traurigkeit, Einsamkeit...) nach einem schönen Erlebnis. Zum Teil verspüren sie auch die Angst, das gerade erlebte Glück zu schnell zu verlieren und anschließend in ein emotionales Loch zu fallen. Einige Menschen haben Probleme damit, sich selbst Freude und Genuss überhaupt zuzugestehen, sie sind "es sich nicht wert" glücklich zu sein. Das liegt häufig an verinnerlichten Glaubenssätzen wie: "Lobe den Tag nicht vor dem Abend", "nach Sonnenschein kommt Regen" oder "Glück und Glas, wie leicht bricht das". Hunderte Male gehört, manifestiert sich so der Glaube, dass auf Gutes stets Böses folgen müsse, dass sich das (Glücks-)Blatt immer wieder zum Schlechten wenden kann und nichts beständig ist. Auf Glück folgt Pech, so die Annahme. 

All diese Sorgen stehen einer gesunden Lebensführung jedoch sehr im Wege, denn wir brauchen positive Erlebnisse, um Energie zu tanken und uns zu stärken, sowohl mental als auch physisch. Auch die Produktion sogenannter Glückshormone wie Serotonin, Noradrenalin, Dopamin und weiterer, ist wichtig für unser Wohlbefinden. Wer zu wenig Glückshormone bildet, wird möglicherweise depressiv. 

Happiness_für_alle.jpgGlück zeigt sich oft in den kleinen Momenten. Sie anzunehmen, kann geübt werden


Der Versuch Glücksgefühle gezielt zu vermeiden bzw. zu unterdrücken wirkt auf den menschlichen Körper kontraproduktiv. Es kostet sogar ein hohes Maß an Anstrengung gegen die Natur zu arbeiten und verursacht Stress, der wiederum Stresshormone freisetzt, statt der positiven Glückshormone

 

 

Menschen, die mit Cherophobie leben, haben nicht immer Angst vor den angenehmen Gefühlen, die Glück mit sich bringen kann, sind aber besorgt über die möglichen negativen Auswirkungen.

Auch ein niedriges Selbstwertgefühl kann zur "Fear of Happiness" führen, zum irrtümlichen Glauben, das Glück "nicht verdient zu haben". Die Angst vor dem Nachlassen der Glücksgefühle und dem in der Folge erwartenden Tiefs kann Vermeidungsstrategien ins Leben rufen, die in eine ungesunde Richtung führen. Wer sich seiner Person und seines Selbstwertes nicht sicher ist, kann Angst vor Neid entwickeln, der durch das eigene Glück bei Menschen aus dem Umfeld ausgelöst werden kann. Aus Angst, nicht mit dem Neid der anderen umgehen zu können, wird das eigene Glück abgeschwächt oder gar vermieden

 

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Glücksangst und Depressionen? 

Wissenschaftler gehen von einem engen Zusammenhang zwischen der Cherophobie und Depressionen aus. Bis heute ist allerdings nicht erwiesen, ob die Angst vor dem Glück Ursache, Folge, oder Begleiterscheinung einer Depression ist. 
Der "Neue-Deutsche-Welle-Sänger" Hubert Kah sagte nach überstandener Depression in einer Talkshow: "Ich hatte das Gefühl: Bei mir darf es nicht gut werden. Ich darf nicht glücklich sein, bei mir darf die Rechnung nicht aufgehen, ich muss leiden." 

Die Angst vor dem Glück wird nicht einer Krankheit gleichgesetzt, sie gilt vielmehr als Phänomen, welches in den vergangenen 10 Jahren verstärkt beobachtet werden konnte und das Interesse der Wissenschaft weckte. 

happiness_everyday_life.jpgIm Hamsterrad des Alltags: Ein weiteres Phänomen unserer Zeit

 

Glück ist auch kulturabhängig 

Der Begriff des "Glückes" wird je nach kulturellem Hintergrund völlig anders bewertet. In einer Studie sollten US-Amerikaner und Chinesen den voraussichtlichen Verlauf ihrer Glückskurve über die ganze Lebensspanne voraussagen. Während die Amerikaner eher an einen kontinuierlichen Glücksverlauf glaubten, verlief derjenige der Chinesen mehr in Wellen, auf und ab. Mit anderen Worten: Chinesen rechnen mit mehr Schwankungen im Leben, als Amerikaner. Begründet kann dies unter anderem im Taoismus sein, denn laut der taoistischen Philosophie ist davon auszugehen, dass alles im Wandel ist. Das Streben nach Glück ist in taoistisch geprägten Ländern weniger verbreitet, als in westlichen Ländern. 

Der Forscher Mohsen Joshanloo von der Chungbuk National University von Südkorea, führte 2013 eine weltweite Studie zur Angst vor dem Glück durch und befragte 2700 Studenten unterschiedlicher Herkunft: Aus dem Iran, Russland, Japan, US-Amerika, den Niederlanden und 10 weiteren Staaten. Das Ergebnis der Studie: Außer in Kenia und Indien verspürten die Menschen in allen anderen Ländern die Angst vor dem Glück, mit keinen großen Unterschieden zwischen den Ländern und keinen dramatischen Werten. Es stellte sich jedoch heraus, dass in Kulturen, die mehr auf Konformität ausgerichtet sind, die Angst vor Neid grösser als in den Vergleichsstaaten ist. So haben Menschen in Ostasien mehr Hemmungen ihr Glück zu zeigen, als beispielsweise Amerikaner. 

 

Auch interessant: Was Menschen überall auf der Welt glücklich macht: Glück in verschiedenen Kulturen

 

im_hier_und_jetzt_leben_dankbarkeit_spueren_fuer_den_alltag.jpgSpannend: Jede Kultur hat ein anderes Verständnis von Glücklichsein

 

Was hilft gegen die Angst vor dem Glücklichsein? 

In dieser Frage sind sich die Wissenschaftler noch nicht einig und es fehlen langfristige Studien an diesem noch sehr jungen Phänomen das Menschen am glücklich werden hindert. 

Studien zeigen, dass die Fähigkeit zum Glücklichsein zum Großteil angeboren ist. Während es Menschen gibt, die an Schicksalsschlägen zu zerbrechen drohen, meistern andere sie wiederum mit erstaunlicher Stärke. Doch nicht jeder Mensch, der weniger "Glücksgene" mit auf seinen Lebensweg bekommen hat, muss sich diesem Schicksal ergeben. In der Fachwelt wird von den sogenannten "Happy habits", den glücklich machenden Gewohnheiten gesprochen, welche man wiederum erlernen und somit sein Glücksempfinden schulen und erweitern kann. Achtsamkeit heißt das Zauberwort in diesem Zusammenhang. Es sind nicht die großen Glücksgefühle, wie man sie beispielsweise beim ersten Verliebtsein oder der Geburt eines Kindes erlebt, sondern es sind die kleinen Dinge im Alltag, die uns nachhaltig psychisch nähren: Die ersten warmen Sonnenstrahlen nach einem langen Winter auf der Haut, der Duft frischen Kaffees am Morgen, das freundliche Lächeln des Nachbarn, die überschwängliche Begrüßung eines Hundes oder der Klang des Lieblingsliedes im Radio. All das kann uns be-glücken, wenn wir es nur zulassen. Die Lernerfahrung aus diesen kleinen Glücksmomenten wird sein, dass sie einfach nur gut tun, ohne negative Folgen, ohne Bestrafung, Neid oder Unglücksfälle. 

Einige Therapeuten gehen davon aus, dass man die Angst vor dem Glücklichsein wie andere Phobien behandeln sollte: Mit einer schrittweisen Annäherung an das angstauslösende Moment. Die Psychologen sprechen in diesem Fall von der "Exposition", wie sie beispielsweise bei Flugangst angewandt wird. Schrittweise stellt sich der Patient seiner Angst, bis er zum Schluss im besten Fall sogar einen ganzen Flug angstfrei meistern kann. 

Andere Therapeuten sehen die Lösung des Problems eher in der Umstellung einiger Lebensgewohnheiten wie der Motivation oder bisherigen Lebensführung. 

 

Aus Glücksquellen schöpfen 

Es gibt kein Patentrezept, das für alle Betroffenen gleichermaßen zutrifft. Aber es gibt Quellen für Glück, aus denen jeder schöpfen kann. Zunächst steht die Selbsterkenntnis im Vordergrund: Was will ich und wie kann ich es erreichen? Während der eine Mensch glücklich ist, wenn er mit vielen Menschen am Feiern ist, genießt ein anderer lieber traute Zweisamkeit. 
Auch die Dankbarkeit spielt eine große Rolle für unser Wohlbefinden. Wer zu schätzen weiß was er hat, lebt zufriedener, darin sind sich die Forscher einig. 

Wer immer wieder aus sich herausgeht, eigene Grenzen überschreitet und offen für Neues ist, gelangt zu höherer Lebensqualität. 
Zum glücklich werden gehört auch ein gutes Netzwerk. Wer von Menschen umgeben ist, die ihm wohlgesonnen sind, fühlt sich getragen und weniger auf sich selbst gestellt. 
Eine gute Partnerschaft kann ebenfalls sehr zum Glück beitragen. 
Als "Königsweg zum Glück" bezeichnet der bekannte Münchener Psychologe die Fähigkeit, andere Menschen glücklich zu machen

 

Auch interessant: Glücklich sein. Was heißt das eigentlich genau? 

 

happiness_ton.jpgFormbar: Auch die Fähigkeit zum Glück ist nicht starr vorgegeben

Tipp: 

Wenn auch du das Gefühl hast, das Glück nicht verdient zu haben, zu wenig Glücksmomente zu erleben, oder generell Schwierigkeiten damit dein Glück zu finden, dann hab den Mut darüber mit einem Therapeuten zu sprechen.

Es lohnt sich in jedem Fall das eigene Glücksempfinden einmal genauer zu betrachten und sich verschiedene Fragen zum Glück zu stellen. Was bedeutet Glück für mich? Wer oder was verhilft mir zum Glücklichsein? Wo kann ich mein Glück finden? Wie gehe ich mit Glücksgefühlen um? Wie könnte ich mir mehr Glücksmomente verschaffen? Wie willst du dein Glück finden?

Das sind alles spannende Fragen, deren Beantwortung dich auf deinem persönlichen Lebensweg weiter bringen können und dabei wünschen wir dir viel GLÜCK - jeder darf glücklich werden!  

happiness_entdeckergeist.jpgAusschau halten nach dem Glück

 

 

 


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