Wie entsteht Glück? Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir glücklich sind? Tine vom happiness.com-Team hat sich mit diesen Fragen näher beschäftigt. Sie ist im April nach Nürnberg zum "Hirn im Glück" - Symposium Kortizes gereist und hat dort erfahren wie Freude, Liebe und Hoffnung aus Sicht der Neurowissenschaften zusammenhängen.

 

 

Weil ein ganzes Wochenende geballtes Wissen nicht in einen Artikel passte, gibt es für euch zwei zu Lesen. Der erste unserer beiden Artikel zu Symposium Kortizes mit dem Titel "Von Glück, Sinn und einem gelingenden Leben" beschäftigte sich mit einer genaueren Definition von Glück, dem PERMA Modell von Martin Seligman sowie der Positiven Psychologie.

Hier im zweiten Artikel wenden wir uns weiteren Faktoren zu, die unser subjektives Wohlbefinden beeinflussen.

 

Flow

Völlig vertieft in eine Aufgabe, die scheinbar von selbst von der Hand geht: Wann warst du das letzte Mal im Flow? 

Im Flow - erstmal 1975 von Mihály Csíkszentmihályi beschrieben - geht der Mensch völlig in seiner Tätigkeit auf und die Zeit vergeht wie im Flug. Der Flow Zustand stellt die perfekte Balance zwischen Anforderung und Fähigkeit dar, aus Anspanung und Entspannung. Durch Flow Erlebnisse wird die Leistungsfähigkeit sowie die Lernleistung gesteigert und sie wirken sich positiv auf das allgemeine Wohlbefinden aus erzeugen positiven Emotionen (Punkt 1 des PERMA Modell). Zudem weiss Prof. Dr. Corinna Peifer zu berichten, dass Flow Erlebnisse ansteckend sind und Flow Erlebnisse auch in Stress relevanten Situatinen stattfinden.

 

Was fördert den Flow am Arbeitsplatz? 

  • Klare Ziele (SMART Ziele)
  • Klares Feedback
  • Aufgabenvielfalt (ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Anforderung und Fähigkeiten)
  • Autonomie
  • Identifikation mit der Aufgabe
  • Relevanz und Bedeutsamkeit der Aufgabe
  • Soziale Unterstützung (Coaching durch Führungskräfte Spaß mit Kollegen)

Allerdings werden z.B. auch Computerspiele nach Flow unterstützenden Prinzipien erstellt, um den User besonders lange an sich zu binden.

 

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Funktioniert fast von allein: Das Flow Gefühl kann beim Arbeiten, Sport, Kochen oder anderswo eintreten. 

 

 

 

Beziehungen und zwischenmenschliche Interaktionen

Diesem Bereich widmete sich besonders der Vortrag von Prof. Dr. Silke Anders. Sie erforscht unter anderem den Nucleus accumbens - eines Teils des unteren Vorderhirn, der eine entscheidende Rolle im Belohnungssystem und auch bei der Entwicklung von Sucht spielt.

Von ihr erfahren wir, dass besseres Verständnis des anderen zu mehr Anziehung führt, vermutlich da in diesem Fall die beiden Personen über ein ähnlicheres neuronales Vokabular verfügen, welches die Kommunikation einfacher und befriedigender macht.

Paare können sich demnach besonders gut in Emotionen wie Freude oder Ekel beim anderen hineinversetzen. Überraschend ist, dass Ärger vom Partner*innen gleich intensiv gespiegelt wird wie von Fremden.

 

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In guten wie in schlechten Zeiten: Das gilt auch für unser neuronales Vokabular

 

Übung: "Verstehen fördern"

Bei Nichtverstehen, Unklarheit, oder Unzufriedenheit mit der Aussage des Gegenübers wiederholen, was man verstanden hat. Dann nachfragen, ob es das war, was der andere zum Ausdruck bringen wollte.

 

Wir können uns des Nichtverstehens anderen gegenüber bewusst werden. Dadurch arbeiten wir auch bewusst am Verstehen arbeiten, was die Sympathie, Freundschaft und damit auch das Wohlbefinden verstärkt.

 

 

 

Glück und die Wirtschaftswissenschaften

Prof. Dr. Karlheinz Ruckriegel zeigte auf, dass das Wohlbefinden und humanistische Werte zunehmend Einzug in Politik und Wirtschaft finden. Auch hier kommt das PERMA Modell zum Einsatz. Die 5 Säulen des gelingenden Lebens nach Martin Seligman werden hier im Bezug auf positive leadership betrachtet.

U.a. hat die OECD den Better Life Index erstellt. Das globale Glück wird im World Happiness Report erfasst, ebenfalls von der OECD kommen die Richtlinien für das subjektive Wohlbefinden, womit die Entwicklung des Glücks messbar und damit vergleichbar gemacht werden soll.

In diesen Richtlinien werden zur Bewertung des subjektive Wohlbefindens u.a. diese drei Bereiche betrachtet:

  • Life Evaluation: Die reflektierende Bewertung des Lebens einer Person oder eines spezifischen Aspekts daraus
  • Affekt: Die Gefühle oder emotionalen Zustände einer Person, üblicherweise im Bezug auf einen konkreten Zeitpunkt gemessen
  • Eudaimonia: Das Gefühl von Sinn/ Bedeutung im Leben, gute psychologische Funktion.

 

Diese Richtlinien alleine umfassen 270 Seiten. Sie und auch die Einführung des World Happiness Reports in 2012 zeigen, dass das Wohlbefinden der Bevölkerung zunehmen auch Einzug in Politik und Wirtschaft nimmt.

 

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Wie lässt sich Glück messen? Die OECD hat einen Vorschlag

 

 

 

Die „richtige“ Beziehungsform

Zur romantischen Liebe bzw. der „idealen“/„natürlichen“ Beziehungsform des Menschen äußerte sich im Anschluss Prof. Dr. Thomas Junker. Die Hodengröße des Mannes , sowie dem Größenunterschied zwischen Männern und Frauen im Vergleich zu unseren nächsten Verwandten, lässt darauf schliessen, dass aus evolutionsbiologischer Sicht die Menschen in Paarbeziehungen lebten oder ein Mann mit maximal 1-4 Frauen.

Ungewöhnlich am Sexualverhalten des Menschen ist jedoch die Paarbindung in Verbindung mit wesentlich häufigerem Sex, als es zur Fortpflanzung notwendig wäre. Die Frau signalisiert ihre Fruchtbarkeit nicht. Dieses Verhalten ist dadurch zu erklären, dass es die Paarbindung stärkt und somit in einer gemischten Gruppe, in der Seitenprünge einfach möglich wären, Stabilität erzeugt.

 

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In der Liebe gibt es kein "richtig" oder "falsch": Liebe ist Liebe! 

 

 

 

Positive Sexualität

Beim Thema Sexualität, die auf unser Wohlbefinden und eine gelungene Beziehung ebenfalls einen entscheidenden Einfluss hat, übernahm Frau Dr. Vera Ludwig.

Laut einer von ihr durchgeführten Umfrage sind folgende Faktoren für großartigen Sex besonders wichtig:

  • Ganz im Moment sein, fokusiert sein, im Körper sein
  • Verbindung, miteinander „Schwingen“
  • Tiefe sexuelle und erotische Intimität
  • aussergewöhnliche Kommunikation und Empathie
  • Authentizität, sich selbst sein
  • Transzendenz
  • Risikofreudig sein, erkunden, Spass haben
  • Verletzlich sein, sich hingeben, Vertrauen

Intensive körperliche Empfindungen/ Orgasmus, sowie Lust/ Verlangen/ Chemie/ Anziehungskraft wurden durchaus auch genannt, standen bei den Befragten aber nicht im Vordergrund.

 

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Großartiger Sex: Bedeutet nicht unbedingt großartige Orgasmen 

 

 

 

Weisheit

Am dritten Tag des Symposium spricht Prof. Dr. Judith Glück über Weisheit und stellt uns in diesem Zug weitere 5 Säulen eines gelingenden Lebens vor, die für das Erlangen von Weisheit relevant sind:

  • Offenheit
  • Emotionsregulierung – guter Umgang mit Gefühlen
  • Einfühlungsvermögen
  • (Selbst-) kritisches Reflektieren
  • Überwindung der Kontrollillusion

Basierend auf ihren Untersuchungen scheint es einen Zusammenhang zwischen Weisheit und Glück zu geben. Wer weise ist, scheint auch zufriedener, dankbarer und glücklicher zu sein. Umgekehrt scheint das persönliche Wohlbefinden jedoch von der Weisheit unabhängig zu sein.

Man könnte also vermuten: zum Glücklichsein muss man nicht weise sein, aber Weisheit bringt Glück mit sich.

Um Weisheit zu erlangen bedarf es mehr „Arbeit": aktive, intensive, kritische und auch schmerzhafte Selbstreflektion. Weise Menschen befassen sich intensiv mit ihren Fehlern und Schwächen statt zu Verdrängen oder zu Ignorieren. Sie schauen genau hin, auch wenn es weh tut. Die Ergebnisse hängen jedoch auch stark davon ab, wie Weisheit definiert bzw. gemessen wird.

 

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Weisheit erlangen bedeutet hinsehen: Auch dahin, wo es wehtut 

 

 

 

Musik und Glück

Unter dem Titel „Good Vibrations“ befasst sich Prof. Dr. Stefan Kölsch mit der Frage ob und wie Musik uns glücklich machen kann.

Das Hirnalter bei Musizierenden ist geringer als ihr biologisches Alter. Dieser Effekt ist bei Hobbymusikern besonders ausgeprägt und könnte durch den geringeren Leistungsdruck und damit dem Mehr an Spaß erklärt werden. Musik hat darüber hinaus auch eine schmerzstillende Wirkung. Diese wird verstärkt, wenn wir uns auf die Musik konzentrieren und an ihr teilhaben wie z.b. mitwippen.

Vertrautheit mit dem Stil, Vorhersageprozesse, Erwartungen und das Kennen der Regeln der Musik sind entscheidende Faktoren Musik zu mögen und zu geniessen. Sie können damit aber auch zu einem gewissen Maß erlernt werden.

Ebenso lässt sich Musik bei der Suchtbekämpfung unterstützend einsetzen. Bei der Konzentration auf das Suchtobjekt wird vom Hirn bereits ein kleiner Belohnungsteaser ausgeschüttet, der es erschwert, der Sucht zu wiederstehen. Wer sich in diesem Moment statt dessen auf Musik konzentriert, kann diesem Effekt entgehen. 

Beim Einsatz von Musik sind zwei Dinge zu beachten. Wenn Musik traumatische Erinnerungen triggert ist davon natürlich abzuraten. Bei depressiven Patienten kann eine entsprechend zur Stimmung passende Musik diese verstärken und das Überwinden erschweren. Daher sollten diese Patienten eine Playlist hören, die sie in der aktuellen Ist-Stimmung abholt, dann aber langsam zur gewollten Soll-Stimmung führt.

 

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Musik hält jung und lindert Schmerzen

 

 

 

Philosopie und Ethik

Mit dem Vortrag von Prof. Dr. Franz Josef Wetz  endete das Symposium mit einem erdenden Vortag, der die Erwartungen an unser Glück - zumindest aus meiner Sicht - wieder auf den Boden des Realistischen holten.

Auf den ersten Blick etwas ernüchternd, aber nach dem, was wir zuvor gelernet hatten durchaus unserem Glück zuträglich. Schließlich hatten wir ja gelernt, das überzogene Erwartungen zu Enttäuschung führen, wie man in unseren doch eigentlich bequemen Leben sehen kann. Die erhöhten Entlastungen gehen mit erhöhten Erwartungen einher. Die Sensibilität für das Wenige was fehlt, steigt.

 

 

"Ein glückliches Leben weiss nicht, das es glücklich ist." Franz Josef Wetz

 

 

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Mit den Erwartungen ans Glücklichsein am Boden bleiben: Ein wichtiges Erfolgsrezept beim Streben nach Glück

 

 

 

Fazit

Das Symposium hat keine entscheident neuen Erkenntnsse gebracht, aber Bekanntes souverän und gut verständlich auf stabilere, fundiertere Beine gestellt. Dadurch wird ein tieferes Verständnis in die Psyche des Menschen und unsere Funktionsweise ermöglicht. Vielleicht werden dadurch Schritte auf dem Pfad des gelungen Leben einfacher und intuitiver.

Wir Menschen sind Leidflüchter und Glückssucher. Da der Schmerz auch für Leidflüchter unvermeidlich ist, ist es wichtig zu lernen richtig, damit umzugehen, sodass möglichst wenig zusätzliches Leid für uns und andere entsteht. Vielleicht schaffen wir es sogar am Unvermeidlichen zu wachsen oder bei intensiver, ehrlicher Auseinandersetzung dabei weise zu werden.

Dem Glückssucher in uns ist zu raten, doch das Glück vor der eigenen Nase zu entdecken und schätzen zu lernen, tiefe Freundschaften zu pflegen und die Menschen um uns zu sehen. Im Moment und authentisch zu sein, Erwartungen zu managen, Dankbarkeit zu entwickeln, Sinn im Tun, im eigenen Leben zu finden.

Womit auch dieser Artikel um einen abschliessenden Verweis auf das PERMA Modell

P - Positive Gefühle
E - Engagement
R - Relationships
M - Meaning
A - Accomplishment

nicht herumkommt, mit dem der erste Teil bereits begonnen hatte. Mit dem zusätzlichen Hinweis, dass die wirkliche Arbeit - wie so oft - darin steckt, die für einen selbst relevante Anwendung bzw. Ausprägung zu leben.

Viel Glück! 😉

 

Vortragsfolien

 

Geschrieben von Tine Steiss

tine.jpgTine ist Teil des happiness.com Team. Sie ist Künstlerin, Medieningenieurin und MBSR Trainerin. Wenn sie nicht auf Reisen ist, verwandelt sie ihre Dachterrasse in einen paradiesischen Garten. Erfahre mehr über Tine auf: Instagram.


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1 Kommentar

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Julius

Geschrieben

Super Artikel, sehr informativ und schön geschrieben!

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