Wie wirken sich finanzielle Nöte auf das Glück aus? Arlo Laibowitz untersucht, wie soziale Kontakte, Religiosität und Vertrauen in die Politik den Menschen helfen, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten fröhlich zu bleiben.

 

Der Roman A Tale of Two Cities von Charles Dickens beginnt mit einem berühmten Zitat, über das es sich lohnt nachzudenken, wenn man vor wirtschaftlichen Schwierigkeiten steht. „Es war die beste Zeit, es war die schlimmste Zeit. Es war das Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Torheit, es war die Epoche des Glaubens, es war die Epoche des Unglaubens. Es war die Zeit des Lichts, es war die Zeit der Dunkelheit, es war der Frühling der Hoffnung, es war der Winter der Verzweiflung, wir hatten alles vor uns, wir hatten nichts vor uns.“

 

In dem Buch landet eine der Figuren, Doktor Manette, während der französischen Revolution im Gefängnis. Doktor Manette ist von seiner unfairen Inhaftierung geschwächt und versucht, trotz aller Widrigkeiten bei Verstand zu bleiben. Ein Thema, bei dem Dickens sich lose an seiner Biografie orientierte. Während seiner Jugend versuchte er erfolglos, seinen Vater John aus dem Gefängnis zu holen, als er wegen unbezahlter Schulden verurteilt worden war.

 

Aber was hat das alles mit Glück zu tun? Nun, es gibt immer mehr wissenschaftliche Studien, die die Beziehung zwischen Geld und Glück oder Wohlbefinden untersuchen.

 

Einerseits untersuchen diese Studien die positiven Auswirkungen eines (erhöhten) Einkommens. Zum anderen konzentrieren sie sich auf die Art und Weise, wie wir mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten umgehen, um unser Gefühl von Glück und Wohlbefinden zu bewahren. Eine Studie von Reeskens und Vandecasteele ergab, dass es drei Faktoren gibt, die Menschen, die in einer wirtschaftlichen Notlage sind, wie sie es nennen, „abfedern“ können:
 

• Ungezwungene soziale Kontakte

• Religiosität

• Vertrauen in die Politik

 

 

Geld und Glück: die Grundlagen

In ihrem Artikel diskutieren Reeskens und Vandecasteele zunächst einige der Annahmen, die gemeinhin über Glück und Wohlbefinden getroffen werden. Die Grundlegendste ist, dass mehr Geld uns glücklicher macht. In einer berühmten Studie der Princeton University wurde das Verhältnis zwischen Glück und Einkommen auf eine magische Zahl beziffert: 75.000 USD (65.000 EUR).

 

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In dieser Studie gaben Menschen, die weniger als diese Summe verdienen, ein geringeres Glück und ein geringeres emotionales Wohlbefinden an als Menschen, die 75.000 USD oder mehr verdienen. Als ihr Einkommen auf diesen Betrag anstieg, berichteten die Befragten von einer Zunahme ihres Glücksgefühls. Die Studie ergab jedoch auch, dass ein Einkommensanstieg über diesen Wert hinaus nicht dazu führt, dass die Zahl derer zunimmt, die über mehr Glück und Wohlbefinden berichten.

 

 

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Bares für Rares: Manchmal fällt es erstaunlich leicht, auf etwas zu verzichten

 

 

Bedeutet das also, dass wir alle versuchen sollten 75.000 US-Dollar zu verdienen, um glücklich zu sein? Nein, das bedeutet es nicht. Denn tatsächlich hat eine aktuelle Studie der London School of Economics, Origins of Happiness, gezeigt, dass das meiste menschliche Elend auf gescheiterte Beziehungen und psychische und physische Erkrankungen zurückzuführen ist, nicht auf Geldprobleme und Armut.

 

In der Tat sind soziale und psychologische Faktoren für das Wohlbefinden des Einzelnen wichtiger als das Einkommensniveau. Als leitender Forscher dieser Studie erklärte Lord Richard Layard: "Einen Partner zu haben ist für Sie genauso gut, wie es schlecht für Sie ist, Ihre Arbeit zu verlieren."

 

 

"Das meiste menschliche Elend lässt sich auf gescheiterte Beziehungen und psychische und physische Erkrankungen zurückzuführen, nicht auf Geldprobleme und Armut."

 

 

Reeskens und Vandecasteele legten den Fokus ihrer Forschung auf einige dieser sozialen und psychologischen Faktoren. Dafür untersuchten sie, was passiert, wenn Armut und wirtschaftlicher Mangel einen negativen Effekt auf das subjektive Wohlbefinden haben.

 

Auch hier finden wir einige allgemein anerkannte Annahmen. Die grundlegendste ist die, dass sich Armut und wirtschaftliche Benachteiligung negativ auf das subjektive Wohlbefinden auswirken. Es gibt jedoch Studien wie der soziale Einkommensvergleiche in der eigenen Gemeinde, die zeigen, dass einige Menschen bei finanzieller Not stärker betroffen sind als andere. Warum ist das so?

 

Aber Geld ist doch entscheidend. Oder nicht?

Springen wir vor zu einigen der Schlussfolgerungen von Reeskens und Vandecasteele: Einkommen ist wichtig. Ihren Erkenntnissen zufolge lassen sich bis zu 45 Prozent unseres Glücksgefühls oder des fehlenden Glücks durch unsere wirtschaftliche Situation erklären. Wirtschaftliche Not verringert unser Wohlbefinden. Die wirtschaftliche Situation besteht jedoch aus mehr Faktoren als nur dem Jahreseinkommen. Weitere wichtige Faktoren sind:

 

• Beschäftigungsverhältnis

• Wenn wir auf unsere Ersparnisse zurückgreifen oder Schulden machen müssen, um die normalen Lebenshaltungskosten zu decken

• Wenn wir auf Dinge wie Urlaub oder neue Haushaltsgeräte verzichten müssen

 

In einer Glas-halb-voll-halb-leer-Analogie könnte man auch darauf schließen, dass, wenn 45 Prozent unseres Glücksgefühls materiell und wirtschaftlich sind, 55 Prozent dies nicht sind. Bei diesen 55 Prozent spielen drei wichtige immaterielle Faktoren eine Rolle: soziale Kontakte, Religiosität und Vertrauen in die Politik.

 

 

1. Soziale Kontakte

Was macht zwanglose soziale Kontakte so wichtig? Nach einer Studie von Helliwell und Putnam, Der soziale Kontext des Wohlbefindens, können soziale Interaktionen unter anderem:

 

• Stress reduzieren.

• materielle und immaterielle Ressourcen eröffnen.

• den Zugang zur Gesundheitsversorgung verbessern.

• die soziale Kontrolle aktivieren, um Verhaltensweisen zu unterbinden, die deinem Wohlbefinden schaden könnten.

 

Wie Putnam es ausdrückte: "Ihre Chancen, im Laufe des nächsten Jahres zu sterben, halbieren sich, wenn Sie sich einer Gruppe anschließen, und halbieren sich noch einmal auf ein Viertel, wenn Sie sich zwei Gruppen anschließen."

 

 

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Freundschaften kosten nichts - sind aber so wertvoll wie wenig anderes im Leben!

 

 

Reeskens und Vandecasteele untersuchten Umfragen aus mehr als 25 europäischen Ländern. Sie konnten anhand der Antworten zeigen, dass ein häufiger Kontakt mit Familie, Freunden und Kollegen die Auswirkung von wirtschaftlichem Mangel auf das Glücksgefühl stark abfedert.

 

Der Unterschied in der Zufriedenheit zwischen Menschen mit höherem Einkommen und Menschen mit wirtschaftlicher Benachteiligung nimmt dramatisch ab, wenn wir uns Menschen mit häufigen sozialen Kontakten ansehen. Mit anderen Worten: Einsame, wohlhabende Menschen sind vergleichsweise glücklicher als einsame, benachteiligte Menschen. Während sozial eingebundene Wohlhabende immer noch glücklicher sind, aber mit einem vergleichsweise geringeren Abstand zu glücklichen sozial eingebundenen, aber finanziell benachteiligten Menschen.

 

"Häufiger Kontakt mit Familie, Freunden und Kollegen federt die Auswirkung von wirtschaftlichem Mangel auf das Glücksgefühl stark ab."

 

Wenn wir in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, sollten wir versuchen, unser soziales Netzwerk aufrechtzuerhalten, unsere Freunde zu treffen und unsere Familie aufzusuchen. (Auch wenn Untersuchungen gezeigt haben, dass dies möglicherweise in diesen Momenten schwieriger ist, als wenn wir keine finanziellen Sorgen haben).

 

 

2. Religiosität

Der zweite von Reeskens und Vandecasteele untersuchte Faktor ist die Religiosität. Diese kann ebenfalls die negativen Auswirkungen wirtschaftlicher Not auf unser Gefühl von Glück und Wohlbefinden abfedern. Dabei treten zwei Effekte auf. Zum einen ist es der soziale Aspekt der Religion. Der erste ist der soziale Aspekt der Religion. Die Interaktion mit gleichgesinnten Kirchgängern kann einem Unterstützung, Kameradschaft und ein Zugehörigkeitsgefühl geben, ganz so wie es bei anderen freundschaftlichen Kontakten der Fall ist.

 

Bei der Religion ist dieser Effekt jedoch „turboaufgeladen, wie Lim und Putnam in Religion, Sozialen Netzwerken und Lebenszufriedenheit beschreiben. Aufgeladen, weil der Effekt größer ist als bei normalen (nicht religiösen) Freunden oder der Familie.

 

In ihrer Studie fanden Lim und Putnam außerdem heraus, dass der andere Effekt eine „private Bindung an Gott“ ist, da die Religiosität „einen umfassenden Rahmen für die Interpretation von Weltereignissen“ bietet. Religiöse Menschen haben ein stärkeres Gefühl dafür, dass etwas außerhalb ihres Einflussbereichs die Dinge kontrolliert. Daher ist für sie auch die Annahme wahrscheinlicher, dass ihre wirtschaftliche Not durch etwas Äußeres gemildert wird.

 

"Religiosität kann ebenfalls die negativen Auswirkungen wirtschaftlicher Not auf unser Gefühl von Glück und Wohlbefinden abfedern."

 

Die Ergebnisse der Forschung von Reeskens und Vandecasteele stammen aus Umfrageantworten von 25 europäischen Ländern. Vergleicht man den Einfluss der drei Faktoren auf die negativen Effekte von wirtschaftlicher Not, ist die Religiosität relativ gesehen der kleinste Faktor, um diese abzufedern.

 

Aber es gibt eine messbare, statistisch signifikante Zunahme an Gefühlen des Glücks und Wohlbefindens bei Menschen in finanzieller Not, die in die Kirche gehen, im Vergleich zu denen die nicht in die Kirche gehen.

 

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Glaube gibt Halt und verbindet

 

 

Wie bei Reeskens und Vandecasteele anmerken, könnte dies teilweise durch kulturelle Unterschiede erklärt werden [die Rolle der Religiosität in Europa im Vergleich zu den Vereinigten Staaten zum Beispiel]. In wirtschaftlichen Schwierigkeiten hilft es uns, religiös zu sein oder unsere religiösen Praktiken beizubehalten, um die Auswirkungen einer solchen Situation auf unser Wohlergehen zu lindern.

 

 

3. Vertrauen in die Politik

Ähnlich wie sich Religiosität auf finanziell Benachteiligte auswirkt, wirkt sich auch die Überzeugung, dass Politiker die eigene Situation verändern und beeinflussen können, positiv auf das Wohlbefinden in wirtschaftlich schwierigen Zeiten aus. Eine Studie von Catterberg und Moreno, The Individual Bass of Political Trust, hat gezeigt, dass Bedürftige im Allgemeinen ein geringeres Maß an Vertrauen in die Politik haben. Aber Reeskens und Vandecasteele stellen heraus, dass diejenigen unter diesen wirtschaftlich Benachteiligten, die das Vertrauen in die Politik bewahren, glücklicher sind als diejenigen, die dies nicht tun.

 

Ihre Forschungsergebnisse stützen diese Behauptung. In den Antworten der europäischen Umfrage waren die Befragten, die Vertrauen in ihre Regierungen hatten, glücklicher als die Befragten, die dieses Vertrauen nicht hatten. Die Unterschiede sind zudem deutlich. Benachteiligte Menschen, die Vertrauen in die Politik haben, sind nur etwas weniger glücklich als ihre wohlhabende Vergleichsgruppe. Nicht an die Politik glaubende Menschen in einer benachteiligten Situation sind jedoch deutlich weniger glücklich als ihre Vergleichsgruppe ohne finanzielle Not.

 

Menschen, die Vertrauen in Politik und Regierung haben, sind angesichts wirtschaftlicher Schwierigkeiten widerstandsfähiger gegenüber den negativen psychologischen Auswirkungen auf Glück und Wohlbefinden als Menschen, die sich von der Politik abgewendet haben.

 

 

Was also tun - in wirtschaftlich schwierigen Zeiten?

Was sagen uns diese Studien? Erstens: Geld kann uns glücklich machen - aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Wie wir unser Geld ausgeben, ist der Schlüssel um daraus Glück zu ziehen. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten gibt es bestimmte Faktoren, die uns dabei helfen können, die negativen Auswirkungen von Geldnot abzufedern. Die am deutlichsten Messbaren sind soziale Kontakte und das Vertrauen in die Politik. Religiös zu sein hilft auch, aber nicht so stark.

 

Um eine ganz andere Perspektive zu bekommen, können wir auch mit der Prämisse aus dem Buch The How of Happiness der Psychologin Sonja Lyubomirsky beginnen. Darin stützt sie sich auf verschiedenste Forschungsergebnisse und erklärt, wovon unser allgemeines Glücksempfinden abhängt. Demzufolge sind 50 Prozent unseres Glücksniveaus genetisch bedingt [basierend auf Zwillingsstudien], 10 Prozent hängen von den Lebensumständen und -situationen ab und 40 Prozent unterliegen der Selbstkontrolle und Selbstmanipulation. Aus dieser Perspektive betrachtet machen unsere wirtschaftlichen Verhältnisse nur einen Teil der 10 Prozent aus, die unser Glücksniveau beeinflussen. Dazu kommen außerdem noch unsere körperliche Gesundheit, unser Beziehungsstatus, das Sicherheitsgefühl und viele mehr.

 

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Daher kann es sinnvoll sein, sich in Zeiten wirtschaftlicher Not mehr auf die 40 Prozent der Dinge zu konzentrieren, die wir ändern oder beeinflussen können. Beispielsweise können dies einige der Strategien sein, die Lyubomirsky vorschlägt: Optimismus zu kultivieren, ständiges Grübeln zu beenden und uns in Bewältigungsstrategien zu üben. Und auch wenn es schwerfällt: du kannst versuchen, dir ins Gedächtnis zu rufen was du bereits hast und wofür du dankbar bist, wenn du mit der nächsten Rechnung oder Kreditkartenabrechnung konfrontiert wirst! ●

 

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Geschrieben von Arlo Laibowitz

 

Arlhttps://www.happiness.com/de/uploads/monthly_2019_09/arlo.jpg.b802ec9f1b928298f917c472d5fa6d58.jpg.a3e7fad8b0f0adcf7301fef2cff92ccb.jpgo ist Filmemacher, Künstler, Dozent und zeitweiliger Praktiker von Metta-Meditation und Morgenyoga. Wenn er nicht von unmöglichen Projekten träumt und diese auf möglichst unpraktische Weise möglich macht, schreibt er Journals, hört Jazz oder kuschelt mit seiner besseren Hälfte.

 

 

 

 


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