Die Weihnachtstage sind nicht immer eine fröhliche Zeit. Besonders dann, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat und um ihn trauert. Paula Stephens kennt dieses Gefühl nur zu gut. Hier gibt sie 10 Tipps für den Umgang mit Trauer in der Weihnachtszeit.

Dieser Artikel erschien im Original im englischen happiness Magazin.


Ich habe meinen Vater an Heiligabend verloren, da war ich 16. Im nächsten Jahr packten meine Mutter, meine Großmutter und ich unseren Urlaubskummer in den Koffer und verbrachten die Weihnachtszeit an einem Strand in Hawaii. Es war eine gute Möglichkeit, mit den Traditionen und Erinnerungen zu brechen, denen sich keiner von uns stellen wollte.


Meine lebendigste Erinnerung an diesen Hawaii-Urlaub ist, dass ich an Heiligabend beim Abendessen neben einem älteren Herrn saß und bemerkte, dass er genau denselben Pullover trug, den mein Vater oft getragen hatte. Diese Erkenntnis brachte meine Trauer an die Oberfläche. Ich verließ das Abendessen, und verbrachte Heiligabend weinend am Strand.


Unnötig zu erwähnen, dass es lange her ist, dass ich ungetrübte Freude während der Weihnachtszeit gespürt habe. Aber ich glaube, dass wir in der Weihnachtszeit trotzdem fröhliche sein sollten - auch wenn das mit dem Kummer und der Sehnsucht nach der Person, die wir lieben und die wir sehr vermissen, in Einklang gebracht werden muss.



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In meinem Buch  From Grief to Growth, was auf Deutsch "Von Trauer zu Wachstum" bedeutet, spreche ich über ein wesentliches Element der Heilung. Das besteht darin, Freude und Trauer im selben Moment zu bewahren. Es gibt keine herausforderndere Zeit dafür als die Feiertage. Aus diesem Grund habe ich diese zehn leicht verständlichen Tipps zusammengestellt, die dich an dunklen Tagen in dieser besinnlichen Jahreszeit unterstützen.


Dabei ist es mir wichtig, nicht einfach zu sagen: "Überlebe Weihnachten". Nein, ich möchte dich ermutigen, die Einstellung zu haben, dass du immer zu mehr fähig bist als zum Überleben! Damit das gelingt, gebe ich dir einfache Tipps, für die du nicht viel benötigst, die dir jedoch zu der festlichen Zeit am besten helfen:
 

1. Liste die Traditionen auf, die dir am meisten Sorgen machen

Ein Großteil unserer Trauer in den Weihnachtsfeiertagen hängt damit zusammen, dass sich Traditionen und Ereignisse ohne den geliebten Menschen anders anfühlen werden. Nimm dir also etwas Zeit und überlege dir, welche Traditionen sich gut anfühlen und welche zu schmerzhaft sind.


Der beste Weg, um das herauszufinden, ist an einem ruhigen Ort ohne Blick auf die Uhr zur Ruhe zu kommen. Atme ein und aus und verbinde dich mit deinem Atem. Stell dir die Frage: "Welche Veranstaltungen oder Traditionen bereiten mir im Moment die meisten Sorgen?" Dein Unterbewusstsein hat die Antwort vielleicht gleich parat. Möglicherweise führt diese Frage aber auch nicht sofort zu einem Ereignis. Beobachte, wie sich dein Körper anfühlt, welche Empfindungen und welche Energie das Vorstellen der Termine und Traditionen auslöst.

 

 

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Natur schenkt Ruhe und Kraft: Ein Spaziergang hilft, Trauer und Schmerz fließen zu lassen

Wenn du dabei nichts fühlst, kannst du im nächsten Schritt deine Gedanken zu den Weihnachtstraditionen weiterspinnen und fließen lassen. Fühle dich hinein - schmücke zum Beispiel in Gedanken den Tannenbaum, backe die Lieblingssorte des Menschen, den du vermisst. Wie fühlt sich das an? Schon bald wirst du vielleicht feststellen, dass einige Traditionen emotional aufgeladener sind als andere.

 

2. Überlege, welche Traditionen du beibehalten möchtest

Einige Traditionen, die dir sehr am Herzen liegen, möchtest du vielleicht trotz Trauer und Verlust bewahren. Andere müssen für eine Weile (vielleicht auch für immer) zurückgestellt werden. Versuche dafür offen zu sein und auf dein Herz zu hören. Frühere gemeinsame Traditionen werden niemals mehr die gleichen sein, wie mit der geliebten Person. Aber diese Traditionen können trotzdem weiter gepflegt werden und dadurch die Liebe zur verlorenen Person würdigen.

 

"Wir dürfen glücklich sein in Zeiten der Trauer! Auch wenn das mit Kummer und der Sehnsucht nach der lieben Person, die wir vermissen, in Einklang gebracht werden muss."



Nach Zeiten der Trauer wird jedes nachfolgende Jahr ein bisschen anders sein. Was sich in diesem Jahr richtig anfühlt, wird sich in den kommenden Jahren möglicherweise anders anfühlen. Trauern ist ein Prozess  und man sollte bereit sein, sich mit ihm zu entwickeln. Sei offen für das, was dir hilft, in deinem Trauerprozess voranzukommen ... und manchmal müssen wir ein paar Schritte rückwärts gehen, um voranzukommen! Rufe dir deine Liste meines ersten Tipps ins Gedächtnis.


Gehen wir nun wie folgt vor:

    • Welche Traditionen möchtest du in diesem Jahr behalten?
    • Welche Traditionen sind in diesem Jahr zu schmerzhaft oder fühlen sich nicht richtig an?
    • Was oder wie könnte eine Tradition verändert werden?


Wenn du dir bei einigen Punkten nicht sicher bist, kehre zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu deiner Liste zurück. Führe dir Bilder vor Augen, wie diese Tradition umgesetzt wird, und achte darauf, welche Gefühlt das hervorruft. Natürlich kann nicht alles während der Weihnachtszeit kontrolliert werden, gerade wenn die Familie involviert ist.
 

 

3. Überlege dir, wie du deinem geliebten Menschen gedenken möchtest

Selbst wenn du dich dazu entschließt, die Weihnachtszeit zu ignorieren und in den Ferien nach Hawaii zu fliegen (so wie wir im ersten Jahr nach dem Verlust), bleibt es wichtig, dir Zeit für Einkehr und Trauer zu nehmen. Dabei ist ein aktiver Trauerprozess sehr viel wert und kann durch neue Rituale, durch ein soziales Engagement oder eine Spende für eine Herzensangelegenheit deines geliebten Menschens geschehen. Kommt dir etwas in den Sinn, was du dieses Jahr tun möchtest, um deine Liebsten in die Weihnachtszeit einzubeziehen?

 

4. Tränen dürfen fließen

Weinen. Tränen einfach fließen lassen. Du musst nicht den harten Kerl oder das toughe Mädchen spielen und vorgeben, dass alles gut ist. Es ist nicht alles gut! Es ist furchtbar, die Zeit der Liebe ohne den Menschen feiern zu müssen, der ein wichtiger Teil deines Lebens war. Gerade in dieser Zeit ist es völlig normal zu trauern. Tränen dürfen fließen, wenn dir zum Heulen zumute ist, lass es raus. Es wird dir gut tun.
 

"Ein Großteil unserer Trauer in den Weihnachtsfeiertagen hängt oft damit zusammen, dass sich Traditionen und Ereignisse ohne den geliebten Menschen anders anfühlen werden. Nimm dir also Zeit und überlege dir, welche Traditionen sich gut anfühlen und welche zu schmerzhaft sind."


Vielleicht fühlt es sich auch besser an, sich von Freunden, Familie und sozialen Aktivitäten zurückzuziehen oder - genau das Gegenteil - in wilden Aktivismus zu verfallen. Es gibt keinen richtigen oder falschen Weg, um mit Trauer in der Weihnachtszeit umzugehen. Wir müssen jedoch aufpassen, nicht in negative Bewältigungsstrategien zu verfallen. Manchmal ist ein Heulkrampf ein besserer Weg, um wieder Kraft zu schöpfen als das Aufrechterhalten einer Guten-Laune-Miene, die ein riesiger Kraftakt sein kann. Also, wenn du dich danach fühlst, dann lass die Tränen fließen.

 

5. Erzähle deinen Freunden und Verwandten, wie du dich fühlst

Familie und Freunde wissen möglicherweise nicht genau, mit welchen Gefühlen du zu kämpfen hast: Trauer ist ein individueller Prozess, der sich für jeden anders anfühlt. Gerade wenn der Gegenüber selbst nicht betroffen war, fällt ein Hineinversetzen in die trauernde Person schwer. Generell wird sicherlich der Wunsch da sein, dich zu untersützen und für dich da zu sein. Aber wenn du die einzige Person bist, die weiß, was du brauchst und wie du dich fühlst - dann wird es sehr schwer, dir zu helfen. Mach es deinen Freunden und Familie also nicht schwerer, indem du von ihnen erwartest, dass sie deine Gefühle und deine Bedürfnisse erraten.

 

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Für jeden anders: Schreien, Weinen, fröhlich sein. Alles ist erlaubt im Trauerprozess

 

Wir alle erleben Trauer auf unterschiedliche Weise. Teile deine Ängste, Sorgen und Wünsche. Sprich darüber, was dir wichtig ist oder wie du mit einem bestimmten Ereignis umgehen möchten. Natürlich heißt das nicht, dass du immer das bekommen wirst, was du brauchst. Es ist aber wichtig, dass du deiner Trauer Ausdruck verleihen konntest und für deine Bedürfnisse einstandest.

 

6. Selbstfürsorge: Gerade jetzt!

Es gibt keine wichtigere Zeit als die Weihnachtszeit, um dich um dich selbst zu kümmern. Schlafmangel, schlechte Ernährung, erhöhter Alkoholkonsum, weniger Bewegung, erhöhter Stress - wer nicht auf sich Acht gibt, wird nach der Weihnachtszeit kein glücklicherer Mensch sein!


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Selbstfürsorge zur Weihnachtszeit ist deshalb extrem wichtig. Die Emotionen laufen jetzt auf Hochtouren und fordern dein Immunsystem heraus. Kümmere dich gut um deinen Körper und deinen Geist. Dazu gehört ausreichend zu trinken, auf viel und guten Schlaf zu achten, und dich statt mit zu viel Zucker mit einer vollwertigen Kost zu beschenken. Mache einen guten Stressausgleich und viel Bewegung zu einer wichtigen Priorität vor und während den Weihnachtstagen. Kümmere dich um dich selbst, indem du ein gutes Frühstück vorbereitest, viel Wasser trinkst, 30 Minuten früher ins Bett gehst, ein Tagebuch schreibst, draußen mit der Natur in Kontakt trittst und auf das zweite oder dritte Bier auf einer Party verzichtest.

 

7. Verwalte deine Energie

Eine wichtige Ergänzung zum letzten Tipp. Es ist wichtig, auf dein körperliches Wohlbefinden zu achten. Genauso wichtig ist jedoch das seelische. Das ist besonders dann wichtig, wenn du dich gerne ablenkst und beschäftigst, um unangenehme Emotionen zu verdrängen. Erschöpfung (physische und emotionale) ist oft die Ursache für emotionale Zusammenbrüche. Und wie du sich weißt: Trauern an sich ist emotional sehr anstrengend! Wenn dann noch emotionaler Stress an Feiertagen, etwa durch unausgesprochene Konflikte dazukommen, ist dein Tank schnell leer.

Denk also daran, dass es in Ordnung ist, Einladungen abzulehnen. Es ist auch in Ordnung in letzter Minute dein Ja in ein Nein zu ändern, wenn du feststellst, dass du dich nicht nach Gesellschaft fühlst.

Diese Übung verhilft dir, deine Energie zu verwalten:

  • Nenne drei Möglichkeiten, die dir Energie rauben (z. B. Reizbarkeit, Müdigkeit, Verlangen nach Zucker / Koffein)
  • Nenne nun drei Möglichkeiten, wie du deinen Tank füllen kannst (z. B. ein Nickerchen machen, ein Bad nehmen, ein Tagebuch führen, ein Buch lesen)


 

8. Priorisiere berufliche / gesellschaftliche Einladungen

Die Feiertage sind eine besonders stressige Jahreszeit was Feiern und Veranstaltungen betrifft. Weihnachtsfeiern auf Arbeit, in der Nachbarschaft und der Familie sind Beispiele für gefühlte Pflichttermine. Nimm dir Zeit, um eine oder zwei Veranstaltungen auszuwählen, an denen du teilnehmen möchtest. Man muss schließlich nicht auf allen Hochzeiten tanzen.
 
Achte auf deine Auswahl und frag dich bei gesellschaftlichen Anlässen, an denen du möglicherweise mit deinen Lieben teilgenommen hast, ob du für diese Situation bereit bist. Versetz dich in die Situation, dort alleine hinzugehen. Wird jemand an der Veranstaltung teilnehmen, der dir eine Stütze sein kann? Wirst du dich danach eher gestärkt fühlen oder geschwächt?



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Grund zum Feiern? Wähle nur die Veranstaltungen aus, die dich stärken


Hast du einen Notfallplan? Wenn du aus irgendeinem Grund zu einer unangenehmen Pflichtveranstaltung musst, oder das Gefühl hast, du solltest unbedingt teilnehmen, stell sicher, dass du einen Notfallplan hast. Zum Beispiel, indem du mit einem separaten Auto fährst oder dem Gastgeber vorher mitteilst, dass du nicht lange bleiben wirst.

 

9. Nimm dir Zeit - für dich selbst

Bei der Planung deiner Weihnachtstage, solltest du für eine Person ganz besonderes viel Zeit einplanen: Für dich selbst. Ob du zu diesen Terminen Kraft in der Natur tanken möchtest und wandern gehst, ob du dich massieren lässt, ein Buch liest oder ein Bad nehmen möchtest, spielt keine Rolle. Plane diese Zeit rechtzeitig ein, um deine Batterien aufzuladen. Das kann auch Zeit mit engen Freunden oder der Familie sein, die dir hilft, dich verbunden und geliebt zu fühlen. Rufe diese Personen an, und sage ihnen, dass du während der Weihnachtszeit möglicherweise Unterstützung benötigst.

Schreib eine Liste mit Personen, mit denen du in dunklen Momenten Kontakt aufnehmen könntest, und mit Aktivitäten, die dich aus einer Negativspirale rausholen können. Auch hierbei gilt, deine Pläne den Menschen zu erzählen, die dir nahestehen. Denn niemand kann deine Gedanken lesen und dir Wünsche erfüllen, die du nicht kommunizierst.

 

10. Zu geben, beschenkt auch dich

Mein letzter Tipp und eine der erstaunlichsten Möglichkeiten, deine Trauer während der Weihnachtszeit zu überstehen, besteht darin, ihn für jemand anderen ein wenig besser zu machen. Gerade in den Weihnachtsagen geht es vielen Menschen schlecht - wir sind also nicht allein. Spende für eine Wohltätigkeitsorganisation im Namen des Menschen, den du vermisst. Nimm dir Zeit, anderen zu helfen. Kauf ein Geschenk für jemanden in einem Krankenhaus oder Pflegeheim. Gib der Person hinter im Café hinter dir einen Kaffee aus. Diese kleinen, freundlichen Gesten sind wunderbar und sehr wertvoll.

 

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Wie kannst du anderen helfen, sich in dieser Weihnachtszeit besser zu fühlen? Geben muss nicht finanziell sein - du kannst deine Zeit verschenken, oder Kleidung und andere Gegenstände spenden, die du nicht mehr verwendest. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Nichts lindert und heilt unsere eigenen Wunden mehr, als jemand anderem zu helfen. ●

 

Geschrieben von Paula Stephens
 

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Paula Stephens, M.A., ist Grünerin von Crazy Good Grief, einer Organisation, die nach dem Verlust eines geliebten Menschen positives Wachstum und Belastbarkeit lehrt. Ihre Arbeit ist inspiriert von dem persönlichen Verlust ihres ältesten Sohnes, der unerwartet verstorben ist. Paula ist Rednerin, Yogi und Life Coach. Sie ist die Autorin des Buchs From Grief to Growth: 5 Essential Elements to Give your Grief Purpose and Grow from Your Experience . Paula ist praktizierende Buddhistin und war kürzlich die erste buddhistische Kaplanin, die im Bezirksgefängnis arbeitete. Sie ist Mutter von vier Söhnen und lebt in Littleton, Colorado.

 

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